Im Gespräch mit Ingrid Wiesner-Eifrig II:
Jugendarbeit in der Praxis

Ingrid Wiesner-Eifrig (42) arbeitet seit April 2020 als Jugendreferentin für die Neuapostolische Kirche Nord- und Ostdeutschland. Sie ist studierte Pädagogin und selbst Mutter von drei Kindern im jugendlichen Alter. Ihr Auftrag ist die Förderung und Weiterentwicklung der Jugendarbeit in der Gebietskirche. Im zweiten Teil des Interviews berichtet sie, wie die Arbeit in der Gemeinde mit Jugendlichen aussehen kann und inwieweit die Jugendbeauftragten in ihrer Tätigkeit unterstützt werden können.

Ein entscheidender Aspekt, damit sich Jugendliche in der Gemeinde wohlfühlen, sind soziale Kontakte. Beispielhaft sprichst du in deinem Konzept von Patenschafts-Programmen. Was können wir uns darunter vorstellen?

Traurige Tatsache ist vielerorts, dass Konfirmanden oftmals nicht den Übergang in die Gruppe der Jugendlichen schaffen und das kann mit den sozialen Strukturen vor Ort zu tun haben. Manche Gemeinden sind einfach klein und da gibt es auch nicht so viele Jugendliche. Da ist es eine große Herausforderung, Kinder, Konfirmanden und Jugendliche so zu begleiten, dass sie ihre Gemeinde auch als Zuhause wahrnehmen und sich zugehörig fühlen. Diesen Übergang könnte man einfacher gestalten, indem bereits Konfirmanden von einem etwas älteren Jugendlichen begleitet werden und feste Ansprechpartner haben. Die Paten fühlen sich in gewisser Weise verantwortlich und so kann auch eine Beziehung entstehen – natürlich auch nicht aufgezwungen. Aber ich denke, solche Strukturen sollten gefördert werden.

Auch Eltern stellen sich vielleicht die Frage, was sie tun können, damit das eigene Kind sich in der Kirche wohlfühlt. Wie könnte die Kirche die Eltern unterstützen?

Dafür habe ich leider auch kein Patentrezept. Wichtig ist, dass man mit Kindern über Gott und Jesus spricht, über verschiedene biblische und religiöse Zusammenhänge. Aber das, was Eltern vermitteln, ist auf keinen Fall als Unterricht zu verstehen. Das können andere vielleicht besser. Wichtig als Eltern ist nicht nur selbst reden, sondern zuzuhören, Fragen und auch das Hinterfragen zuzulassen. Das kann nicht die vorrangige Aufgabe der Kirche sein, weil man die Begleitung der Eltern nicht so umfassend leisten kann. Aber es braucht da auf alle Fälle eine Struktur über die Lehrkräfte und Jugendleiter, die die Eltern stärkt. Und das setzt wiederum voraus, dass man auch eine enge Verzahnung der Kinder- und Jugendbeauftragten voranbringt.

Einen weiteren Punkt deines Konzepts möchte ich aufgreifen: Du hast von Methoden gesprochen, welche du den Jugendbeauftragten für ihre Arbeit zur Verfügung stellen möchtest. Welche Ansätze hast du ausgearbeitet?

Das fängt ganz banal bei der Kommunikation an, die ich bereits erwähnt habe. Der Austausch muss gefördert werden zwischen Jugendbeauftragten, Gemeinde und Amtsträgern und den Jugendlichen selbst – also alle Gruppen müssen miteinander sprechen. Dann passiert bereits ganz viel: Alle fangen an, den anderen besser zu verstehen, die Verhaltensweisen nachzuvollziehen und sich wohlzufühlen.

Sind dahingehend auch Schulungen geplant?

Ja, es braucht zum Beispiel Schulungen zu Themen: „Wie ticken die Jugendlichen, wie funktionieren sie, was geht in ihren Köpfen vor?“, Kommunikations- oder Moderationstrainings, gerade für solche Gruppenveranstaltungen wie eine Jugendstunde. Auch das Thema Jugendschutz ist wichtig. Das sind auch Themen, die die Juleica (Jugendleiter/In-Card, siehe Interview Teil 1) vermittelt. Und über die Juleica hinaus, kann sicherlich die Kirche auch in Eigenregie Schulungen anbieten. Da gibt es auch schon ein paar Ansätze, an denen wir arbeiten. Dann denke ich, dass die Jugendseelsorger theologisch fit sein sollten. Die Jugendlichen möchten schon genau wissen, was sie glauben und fragen auch nach. Die Kirchenverwaltung bietet dazu aktuell Web-Seminare zu verschiedenen theologischen Themen an, die von Dr. Reinhard Kiefer durchgeführt werden. Im Moment richtet sich das Angebot vor allem an die Amtsträger, soll künftig aber ausgeweitet werden.

Gibt es einen Themenbereich, der dir besonders wichtig ist?

Die Stärkung der Jugendbeauftragten in der Seelsorge liegt mir besonders am Herzen. Seelsorge ist keine psychologische Beratung oder ein Coaching, sondern etwas Geistliches. Aber auch dort kann man mit bestimmten Methoden die Menschen besser begleiten, zum Beispiel durch systemische Methoden.

Systemisch bedeutet?

Der systemische Ansatz stammt ursprünglich aus der Naturwissenschaft und wurde in die Psychologie und Pädagogik übertragen. Der Ansatz geht davon aus, dass alles miteinander verbunden in bestimmten Systemen organisiert ist. So kann die Familie, die Kirche oder die Person selbst ein System sein. Wenn sich nun zum Beispiel eine Beziehung in diesem System verändert, fängt das ganze System an sich neu zu ordnen und ein neues Gleichgewicht zu finden. Und so können Seelsorger indirekt die Situation, das System beeinflussen, indem Impulse gegeben werden. Im Idealfall wird durch einen Impuls die Sichtweise eines Jugendlichen erweitert und neue Handlungsoptionen werden besser erkennbar. Und in diesem Moment können die Jugendlichen entscheiden, sich ein neues Gleichgewicht zu suchen. Dabei ist dieser Ansatz nicht bevormundend, sondern schafft Freiheit in der Erweiterung der Handlungsoptionen und belässt die Verantwortung bei den Jugendlichen.

Das hört sich kompliziert an. Unsere Seelsorger sind meist keine Psychologen oder Pädagogen. Ist es realistisch, dass man diese Methoden erlenen und dauerhaft anwenden kann?

Die Methoden sind gar nicht so komplex. Der Ansatz ist nicht ideologisch und kann auf verschiedene Situationen angepasst werden. Es geht vielmehr um eine gewisse Haltung, die man gut vermitteln kann. Die Seelsorger werden dadurch nicht gleich zu einem systemischen Coach oder Therapeuten. Da verläuft eine wichtige Grenze, die man als Seelsorger auch nicht überschreiten sollte.

Woran würdest du den Erfolg deiner Ideen und Konzepte messen?

Messen lässt sich dieser Bereich recht schwierig. Den Erfolg meiner Arbeit kann man hoffentlich daran festmachen, dass nach und nach der Besuch von kirchlichen Veranstaltungen zunimmt, und dass in zwei bis drei Jahren die Vielfalt an Angeboten für Jugendliche wächst. Der eine kommt dann vielleicht zum Spieleabend, der andere lieber zum Gottesdienst, der Dritte setzt sich gerne mit theologischen Themen in der Jugendstunde auseinander. Essen zieht meistens, da kommen sie alle (lacht), aber das ist ja auch nichts Schlechtes. Essen bedeutet Gemeinschaft, zusammen reden, sich austauschen. Ich hoffe, dass sich auch die Jugendbeauftragten wohlfühlen und die Zufriedenheit insgesamt steigt. Da muss ich mit ihnen im Gespräch bleiben. Und gerade solche Maßnahmen wie Zukunftswerkstätten oder Jugendkonferenzen, wo man auch die Ergebnisse prüft, da gibt es schon Möglichkeiten zumindest subjektiv die Zufriedenheiten abzufragen.

Du hast eben die Zukunftswerkstatt oder das Konzept der Jugendkonferenzen erwähnt. Das sind ja nur zwei Beispiele für eine Vielzahl von Projekten und Gruppen, die sich mit der Attraktivität von Jugendveranstaltungen beschäftigen. Warum ist diesen Gruppen bisher nicht der erhoffte Durchbruch in der Jugendarbeit gelungen?

Ich denke, dass es dafür mehrere Gründe gibt. Zum einen sind in den Gruppen oftmals Ehrenamtler und die Kapazitäten und Ressourcen sind dementsprechend begrenzt. Aber ich bin geneigt zu denken, dass außer diesen Ressourcenproblemen auch andere Herausforderungen bestehen: Es ist wichtig, sehr zielgerichtet zu arbeiten und ergebnisorientiert. Und diese Ergebnisse muss man in irgendeiner Form überprüfbar festlegen, für sich überprüfbar. Natürlich ist überall die Situation vor Ort unterschiedlich. In einem Bezirk mit einer aktiven Studentengemeinde kann das ganz anders aussehen als in einem Bereich, wo vielleicht nur ein Jugendlicher in einer Gemeinde ist. Aber letztendlich muss man dann mit Blick auf die Situation vor Ort, die Ergebnisse für sich so festlegen, dass sie überprüfbar sind. Ich hoffe, dass ich künftig diesen Projekten mit Rat und Tat zur Seite stehen kann.

Du wünschst dir, dass die Jugendlichen genügend Freiräume für ihre Ideen erhalten. Was stellst du dir unter diesen Freiräumen vor?

Wir sind eine Amtskirche und bestimmte Themen wie die Lehre liegen im Zuständigkeitsbereich der Apostel. Aber es darf natürlich trotzdem darüber gesprochen und hinterfragt werden. Vor allem auch die Form, wie wir unseren Glauben leben – ob es nun der traditionelle Gottesdienst, der Profilgottesdienst oder eine Jugendstunde ist. Da ist so viel möglich und es ist wichtig, dass wir uns alle trauen, den Glauben in unterschiedlichen Formen zu leben und darüber zu reden. Das ist ein wichtiger Schlüssel, damit Kirche funktioniert.

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Jennifer Mischko.

Im ersten Teil des Interviews erzählt Ingrid Wiesner-Eifrig von den Chancen und Potentialen, die sie in der Weiterentwicklung der Jugendarbeit sieht.

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